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Workshop „Humor für Bibliothekare“

Eigentlich heißt der Workshop ganz anders und eigentlich geht es erst um 10 Uhr los, doch die ersten Teilnehmer*innen (es gibt tatsächlich einen Teilnehmer) sitzen bereits seit kurz nach Neun im liebevoll aufgebauten Stuhlkreis oder haben sich einen ersten Kaffee eingeschenkt oder stehen sinnierend und noch etwas scheu am Fenster – das wird sich schnell ändern! Ich bin noch am organisieren, die Bühne aufbauen und Material schleppen und muß kurz schlucken, als ich kurz vor zehn in einen fast vollen Raum komme.

Wir sind zu zweit: Ute Becker und meine Wenigkeit. Ute war eine meiner wichtigsten Lehrerinnen in der Anfangszeit. Bei ihr lernte ich das authentische Spielen Und entdeckte die Wahrheit, mit nichts anderem auf der Bühne zu sein als man selber. Der Satz, mit dem sie mich damals flashte, lautete: „Geh’ mit Nichts auf die Bühne.“ Man kann keine gute Clownslehrerin und kein guter Clownslehrer sein, ohne an dem Menschen interessiert zu sein. Alle meine Clownslehrer haben immer extrem ganzheitlich, empathisch und wertschätzend gearbeitet – Ute ist dafür ein Paradebeispiel.

Wir starten ganz traditionell mit einer Einführungsrunde (die Alternative wäre eine körperliche oder gedankliche Einstimmung à la Peter Paul gewesen) und jeder erzählt was zu sich, und ich mache mir fleißig Notizen – es kommen einige schöne und ausdrucksstarke Sätze zusammen, mit denen wir nachher weiterarbeiten können.

– „Ich muss Sachen verkaufen doch keiner will hören!“
– „Ich muss immer eine Sache beiseite schieben und zur nächsten eilen.“
– „Ich bin der Guru in unserer Abteilung und müsste schon goldene Löffel klauen…“
– „Ich halte einen Vortrag vor 60 Leuten und keiner hört zu 🙁 “
– „Ich muss mich für einen Umzug rüsten.“

Bei meiner eigenen Vorstellung verhaspele mich, weil ich mir nichts zu mir selber zurecht gelegt habe und das Ende nicht finde. Vor lauter Nervosität vergesse ich zu erzählen, was ich in der Bibliothek mache 🙁


Bruno ganz aufgeregt vor dem Seminarraum

Ute erläutert die Figur des Clowns auf der Flipchart – super, berührend und ganz existenziell. Ich bewundere ihre Authentizität, sie hat unglaublich viel Wissen und schöpft aus zig Jahren Erfahrung. Ich behaupte mal, dass es zur Zeit keine bessere Fortbildung zu diesem Thema in NRW gibt (und für Bibliothekare nicht in Deutschland und nicht in der Welt und nirgends sonst ;-)))

Dann leite ich den Begrüssungskreis im Stehen und überlege für einen Moment, es wie Moshe zu machen, verwerfe es dann aber. Erden, Atmen und Humor in jede Situation einladen würde auch hier gut passen, aber es erscheint mir zu früh (für die Teilnehmer und für mich). Wir stellen uns mit einer Bewegung und unserem Namen vor – das klappt prima, alle machen mit, allen fällt was ein, und alle haben Spaß beim Nachmachen.

Danach laufen wir durch den Raum: Ute bereitet es gut vor, mit Erden und Spüren. Der Raum ist zu groß für 10 Personen, es gibt eigentlich zu wenig Begegnungen (was besonders bei den Begegnungen beim übertriebenem Gang deutlich wird). Ute schiebt spontan das Gestaltgebet ein, wir sind sehr gut in der Zeit, und es paßt gut.

Bei der 1-2-3-Skulptur-Übung an gibt zwei Dreier- und eine Vierergruppe. Ich mache es mit Ute und einer Teilnehmerin vor. Ich habe Freude, die Gruppen genau zu beobachten und lasse es lange laufen, es entstehen sehr schöne Bilder und die Skulpturen beeindrucken mich durch Kreativität und Spielwitz. Wir kommen schnell durch und machen eine frühe Kaffeepause, während der sich die Teilnehmer – was denn sonst – um die ausgelegten Bücher drängen.

Nach der Pause mobilisiert die geniale AuJa!-Übung die Energien für die Reise ins Innere Kind. Unter ruhiger Musik leitet Ute die Teilnehmerinnen an, sich auf eine Geburtsreise aus einem Ei zu einem undefinierten Wesen, das die Welt wie ein Kind erkundet: alles ist neu, unbekannt, und wird erforscht. Jeder bekommt eine Clownsnase und schließlich entdeckt man auch die anderen „Wesen“. Schnell kommen alle ins Spiel, es bilden sich Gruppen, die den Auftrag erhalten, die Welt gemeinsam zu erkunden. Aber von wegen „erkunden“ – Es wird stattdessen frei drauf los gespielt! Das macht sehr viel Spaß und fast alle sagen nachher, dass sie sich in einem freien Spielfluss befunden hätten, ohne Nachdenken über den nächsten Schritt, eins ergab sich automatisch aus dem anderen. Manche staunten da über sich selber, da sie sonst immer genau nachdachten, bevor sie etwas machen.

Zwei, dreien dauerte die „Geburt“ zu lange, sie konnten sich nicht reinfinden oder nichts mit dem inneren Wesen anfangen. Dann ist noch erstaunlich viel Zeit bis zum Mittagessen, so dass wir eine Feedback-Runde zwischen schalten, was gerne und ausgiebig genutzt wird.

Nach dem Mittagessen geht mit einem Überraschungschor wieder los: Die Bühne war schon aufgebaut, jetzt kommen Stühle für das Publikum dazu. Die erste Gruppe geht vor die Tür und bekommt die Instruktion „Bruder Jakob“ auf einem Chorwettbewerb zu singen, kurz vorher hätten sie aber im Lotto gewonnen. Entsprechend schwungvoll tritt der Chor auf! Dann neue Instruktion: jetzt ist kurz vor dem Auftritt das Chormaskottchen, ein Meerschweinchen gestorben. Es wird zum Heulen… Die Zuschauer dürfen die jeweils zugrundeliegende Emotion erraten. Dann wird gewechselt und die Zuschauer können sich nun profilieren. Zuerst singen wir wütend und lustlos, weil die Jury korrupt ist und sich bereits für einen Gewinner entschieden hat, dann haben wir kurz vor dem Auftritt ein Aphrodisiakum im Imbiss gehabt … Alle haben Spaß dabei. Ganz erstaunlich ist, wie bisher zurückhaltende Teilnehmer aus sich herausgehen und sich auf der Bühne präsentieren.

Jetzt tun sich die Teilnehmer zu zweit zusammen. Einer bekommt einen Hut, der andere soll ihn klauen. Nach diesen parallel laufenden „Vorübungen“ geht es auf die Bühne. Ich bin gespannt, ob sich die Qualität dort wiederholen lässt oder die unerfahrenen Teilnehmer angesichts des Publikums verkrampfen. Doch weit gefehlt – es entstehen intensive und teils brilliante Spiele. Kein Duo wiederholt sklavisch die Vorübung, es werden neue Wendungen ausprobiert und es wird flexibel auf neue Impulse reagiert. Die Bandbreite der Emotionen reicht dabei von Chaplinesker Leichtigkeit bis zu tiefer Verzweiflung.

Nach einer wohlverdienten Pause, da alle durch dieses intensive Spiel erschöpft sind, starten wir mit den Bibliotheksszenen. Als erstes gibt es ein Verkaufsgespräch der besonderen Art: Eine Teilnehmerin muss zwei Dinge an den Mann bringen, eins, das sie begeistert, und eins, das sie nicht interessiert. Die Käufer wurden zuvor instruiert, das begeisternde Produkt nicht haben zu wollen, stattdessen das uninteressante Produkt unbedingt haben zu wollen 🙂 Es entspannt sich eine spannende Auseinandersetzung ohne „happy end“, da keine Seite bereit ist, von ihren Instruktionen zu lassen. In der anschließenden Feedbackrunde wird deutlich, dass Clownsqualitäten wie Offenheit, Neugier und ‚Dinge anders sehen‘ helfen können, nicht mehr aneinander vorbei zu reden. Eine weitere, intensive Bibliotheksszene mit anschließender Feedbackrunde beschließt den Workshop.

Fools For Future

Clown Bruno muss natürlich auch bei der Klimademo mitmachen – schliesslich hat Rainer gesagt, dass der Demo ein paar Clowns gut stehen würde. Und was Rainer sagt, das stimmt. Leider hatte sich auf meine Rundmail nur ein anderer Clown noch gemeldet, so fühle ich mich mit meinem Schild „Fools For Future“ etwas allein.

Als ich auf den Domplatz einbiege, ist er fast menschenleer – die ganzen Menschen haben sich am Prinzipalmarkt aufgestaut. Je weiter ich komme desto dichter wird es, bis es schließlich gar kein Durchkommen mehr gibt, hier ist wirklich alles pickepacke voll bis zur Lambertikirche, wo die Bühne steht. Ich lasse mich von meiner Intuition leiten und schiesse durch die Menge wie eine los gelassene Flipperkugel. Treffe eine Menge Leute, die ich kenne, meinen ehemaligen Dekan (der mir zu meinem Outfit gratuliert), unsere Finanzbeauftragte, eine gute Nachbarin, einen Fooler (der aber inkognito bleiben möchte). Es gibt so viel Interessantes zu entdecken, das ist der Hammer! Kommunikation ist alles. Ich stürze mich ins Getümmel – je dichter die Leute zusammenstellen, umso besser.

Kinder reagieren in der Regel sehr positiv auf mich, und so ergeben sich schöne Spiele, und dann verteile ich ja auch noch Bonbons und Luftballons. Mein Plan war, alle zu beruhigen: Es ist nicht alles so schlimm, keiner bräuchte sich keine Sorgen zu machen, dass die Welt untergeht, denn … ich habe noch eine (nein, drei!) in Reserve. Im Kofferraum sozusagen 😉 Als Beweis zeige ich drei Weltkugeln aus Plastik, die ich (ausgerechnet bei einer Klimaleugnerin) im Mukk gekauft hatte. Ich treffe auf etliche Schülergruppen, gemischte und welche nur aus Jungens oder aus Mädchen. Letztere wollen mir die Weltkugeln entreißen – nur mit Mühe kann ich mich und die Welt aus ihren Klauen retten!

Ich lasse mich weiter durch die fantasievollen Schilder und Transparente inspirieren. Wenn ich ein interessantes Plakat sehe, schlage ich mich durch die Menschenmenge und spreche die Protestler darauf an. Gebe meinen Senf dazu, biete meine Hilfe an (Luftballons, Bonbons oder geschminkt werden) und habe spannende Gespräche und Diskussionen, muss alles wissen: Wieso steht auf dem Schild, „Wer Müll macht ist selber Müll?“ Bruno ist zutiefst getroffen: Bin ich jetzt auch Müll, weil ich gerade Kaugummipapier weggeworfen habe? Buääähhhh!

Alle stehen in Gruppen zusammen, und der Clown kann so leicht zwischen den einzelnen Gruppen wechseln wie Wasser, das einfach in die nächste Senke fliesst. Mir fallen zwei Männer vor Zumnorde auf und nach kurzer Zeit stellen wir fest, dass wir gemeinsame Bekannte haben. Dann entdeckt Bruno seine anarchistische Seite: „Komm, lass uns Zumnorde stürmen und jeder nimmt sich ein Paar Schuhe mit!“ Und das soll was mit dem Klima zu tun haben!? Bruno, tststs!!

Los, Marsch!
Der Zug setzt sich in Bewegung und Bruno reiht sich brav ein. Am Anfang der Salzstraße stürmt plötzlich ein älterer Mann aus dem Tchibo und ruft aufgebracht, dass er diese ganzen Demonstranten zum Teufel wünscht. Die Leute gucken weg, doch als Clown finde ich es spannend und gehe hinter ihm her, vielleicht kann ich ihm ein Bombon anbieten oder was anderes. Doch er ist zu schnell für mich. Ich will aber nicht hinter ihm her rennen, auch wenn das durchaus etwas hätte 😉 , sondern in meinem ruhigen, langsamen Flow bleiben.

Etwas weiter in der Salzstraße treffe ich Clownin Amati. Grosse Wiedersehensfreude, und spontan intonieren wir was zusammen – sie auf ihrer Holzflöte und ich auf der Kajoo. Als sie später die Trommel rausholt, geht es richtig ab: Wir lassen uns von den Sprechchöre der Schüler inspirieren und wandeln sie fantasievoll für uns ab. Aus „Klimaschutz statt Kohle“ wird so „Kein Klimaschutz ohne Kohle, Klimaschutz vom Scheitel bis zur Sohle und Kohle holen für Klimasohlen“. Wir laufen im Kreis, machen Ringelpitz mit Anfassen und trommeln uns durch die Reihen – herrlich.

Dann ist Amati aber plötzlich weg und Bruno trauert. Für langes Suchen und wehleidige Gefühle ist aber keine Zeit, denn alles ist so spannend und rasch wendet sich Bruno neuen Aufgaben zu.

Hansaring
Am Hansaring legt die Demo nochmal einen Zahn zu. Am Anfang steht eine Bühne und drei Mädels feuern die Demonstranten an. Bruno kriegt grosse Augen: Da muss ich drauf! Er versucht die Mädels lautstark zu unterstützen, traut sich aber nicht, ins Mikro zu sprechen – gottseidank, das wäre sicher schief gegangen!

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An der Baustelle dürfen sich zwei Arbeiter ein Lied wünschen und ich gebe von Bob Dylan The Times they are changing zum besten. Ihr Applaus ist mir sicher…

Etwas weiter meditiert ein komplettes Yogastudio auf dem Bürgersteig. Bruno setzt sich dazu und spürt die Schönheit der inneren Einkehr und Ruhe. Aber nach einer Minute langweilt er sich schon wieder und muss sich mit einer netten Blondine über sein Erlebnis austauschen…

Noch weiter beherrscht ein imposanter, echter Eisbär die Szene. Ich muss unbedingt mit ihm reden und ihm erklären, dass das Tier auf meiner Stirn auch ein Eisbär ist – und kein(!) weißer Hund. Dort erfahre ich auch von den Vaterfreuden eines Arbeitskollegen (dazu muss man auf eine Demo gehen…) und zerquetsche ihn fast vor Glück.

DJ Malte legt wunderbare Rave-Musik auf und Bruno tanzt völlig selbst vergessen ab. Und auf einmal tauchen zwei gute Freundinnen mit ihren Kindern auf und Bruno zieht sie auf die Tanzfläche und dann spielen wir Ringelreihen.

Ein paar Meter weiter falle ich todmüde vom vielen Laufen in ein Sofa am Straßenrand, wo ich mich mit der schmerzkranken Tanja unterhalte. Ich schenke ihr einen Luftballon und bemale sie, weil sie ernährungstechnisch auf Bonbons verzichten muss.

An der Kreuzung Albersloher Weg / Hansaring bleibt Bruno gefühlt stundenlang stehen, genieße die Sonnenstrahlen und warte auf den nächsten Impuls. Er beobachtet aufmerksam, wie die Polizei die Straßensperrung abbaut. Ein ausländischer Radfahrer bleibt einfach bei ihm stehen. Dann kommt ein Impuls: E-Roller fahren! Mit Volldampf und heiligem Ernst düst Bruno über den Ludgeriplatz (wo ein Sit-in stattfindet), die Promenade und die Aegidii-Straße zum Domplatz. Dort spürt er auf einmal seinen leeren Bauch holt sich am Entrup-Stand ein doppeltes Käsebrötchen. Die liebe Maria vom Fleischstand gibt ihm dann noch drei Küchenrollen, damit Bruno sich abschminken kann.

Fotos: privat und WN

Domplatz und Aasee in Münster

Wie schön es ist mit voller Clownsmontur von der Sentruper Höhe herunter zu fahren in die Stadt! Ich gerate irgendwie auf die Straße und fahre dort voller Spiellust und Freude am Leben mit weit geöffneten Armen über die Ampel – was macht das für einen Heidenspaß! Viele Leute am Straßenrand feuen sich und winken. Schöne Einstimmung, schöne Vorfreude, schöne Clownsenergie, die mir da so mir nichts dir nichts zufließt. Am Domplatz rufe ich lauthals nach Mimi, dann sehe ich sie im Floyds sitzen und schmeiße mein Fahrrad hin und stürze theatralisch auf sie drauf. „Mimi! Bruno! Mimi!! Bruno!!“ Bei diesem wilden Wiedersehensfreudebühnenstück darf auch mal was zu Bruch gehen…

Dann gehen wir auf den Domplatz. Was ist da los? Tische, Skulpturen, Teppiche: Wir stehen auf 1x mitten in der Installation vom West-Östlichen Diwan. Uns fallen sofort die beiden Figuren Goethe und Hafiz auf, die Bruno versucht mit einer roten Nase zu verschönern. Wir klettern auf die Tische und haben in Null-komma-nix eine veritable Bühne, auf der ich Mimi einen Heiratsantrag mache – später wird es unser running gag, dass wir schon seit 30 Minuten verheiratet sind. Dann helfen wir Thomas Nufer, seine Teppiche wieder in Ordnung zu bringen. Er ist am Anfang etwas skeptisch und traut es uns nicht zu, aber dann doch dankbar für unsere Hilfe und so begeistert, dass er ein Foto von uns macht, wie wir mithelfen (er dirigiert uns ganz schön rum). Als das so langsam in Arbeit ausartet, beschliesse ich genug getan zu haben. Wir versuchen dann noch, Leute, die gerade in Massen aus dem Dom strömen, dazu zu animieren uns zu helfen, aber daraus ergeben sich eher witzige Gespräche als echte Mithilfe 😉

Dann finde ich zwei Kronkorken, auf dem einen steht „laut“ drauf in weiß auf blau und auf dem anderen „Coca-Cola“ in schwarz auf rot (Mimi: „Du sollst nicht alles aufheben!“). Das wären ganz coole Dichternasen, vielleicht wäre es einen zweiten Versuch wert? Jetzt brauche ich nur noch Klebstoff und jemanden, der den Aufpasser ablenkt… Ich diskutiere mit den Umstehenden, was wohl besser zu Hafiz passen würde – laut oder Coca Cola? Wir einigen uns auf laut für Goethe und Coca-Cola für Hafiz … obwohl, da haben die Mullahs vielleicht was dagegen.

Mein running gag in dieser Zeit ist es, in den Dom zu gehen, doch davor hat Mimi ein Heidenrespekt, weil sie doch so furchtbar katholisch ist. Dann treffe ich aber eine Truppe von älteren Männern, die den Eingang suchen, und nehme das als willkommene Gelegenheit ihnen den Weg zu weisen und – wenn ich schon einmal dabei bin – auch mit in den Dom zu gehen. Als ich rein komme bin ich ganz ehrfürchtig ergriffen: 7-8 junge Frauen von der Domkantorei stehen gerade am Altar und singen wunderschön wie Engel, dazu räuchert der Pfarrer mit Weihrauch, als wenn’s kein Morgen gäbe – einfach toll! Ich bin total hin, nehme meine Mütze in beide Hände und stehe staunend, andächtig mit offenem Mund und ehrfürchtig, wie es nur ein Kind (oder ein Clown) sein kann. Kostbare Minuten. Das ist sowieso mit den Gefühlen heute etwas abwechslungsreicher als sonst, denn ich habe auch schon sehr schön Trauer, Freude, die ganze Welt umarmen können, Wut und Ärger gespielt (als Mimi einfach meine, meine!!! Herzensbonbons verschenkt hat).

Dann will Mimi unbedingt zu den Schützenbrüdern, und wir stellen uns in die Zuschauerreihen und sehen dem langen, langen Aufmarsch über den Prinzipalmarkt zu. Genau gegenüber steht der Oberbürgermeister mit dem Hofstaat auf dem Rathausbalkon, der den Schützenbrüdern zuwinkt und Mimi ist ganz, ganz sicher, dass er ihr auch zugewinkt hat. Ich bin total begeistert von diesem Aufmarsch der vielfältigsten Gestalten, die jedem Bububü große Ehre gemacht hätten: Jung & Alt, Schnurrgerade und Verklemmt, Stark und Schwach, Dorfschönheiten, Dorfprinzessinen, Dorfköniginnen – es ist ein absolut herrliches Bild! Männer mit zig Orden behangen, dass sie schwer herniedersinken, noch ältere Männer, die auch ohne Orden kaum mehr gehen können und so weiter – die ganze göttliche Palette. Bruno hat aber großen Spass daran, auf seiner Kajoo die Melodie mitzutröten, wenn 1 Spielmannszug vorbeikommt. Es gelingt ihm nicht immer so akkurat 🙁

Doch da gibt es ja noch die E-Roller! Nach einigen Anfangsschwierigkeiten haben wir zwei Roller für uns und sausen damit über die Universitätsstraße und Promenade zum Aasee! Das macht einen Heidenspaß! Auch Mimi hat ihren Spaß! Wir wollten doch unbedingt noch Boule spielen gehen. Und tatsächlich treffen wir mit Peter und Daniel ein nettes Pärchen, mit denen wir um die Wette spielen. Bruno erweist sich als Profiboulespieler und gewinnt zwei Spiele hintereinander, so dass ihm ganz komisch wird, und er sich an die Seite setzen muss und Ukulele spielt. Währenddessen spielt Mimi weiter gegen Peter, liegt aber ganz schnell mit sieben zu drei hinten und ruft nach meiner Hilfe – aber ungerührt spiele ich meine Lieder weiter zu Ende. Auf dem Rückweg – ohne Nase fast schon inkognito – strahlen mich die Leute wieder ganz freundlich an, so dass ich denke: Ich hab meine Pflicht noch nicht genug erfüllt, ich muss noch mal ran und meine Nase wieder anziehe … die Leute freuen sich doch so sehr…

Clowns-Workshop für Kinder


Geschafft!

Dem Musikfestival in der Eifel, auf dem ich schon oft als Clown Bruno aufgetreten bin, geht ein Sommercamp mit einem vielfältigen Programm voraus. Der von mir angebotene, zweitägige Clowns-Workshop für Kinder war einer der wenigen Programmpunkte ausschließlich für Kinder und dementsprechend war jedermann hochgradig elektrisiert – die Kinder, weil sie hofften, dass der Clown nur für sie da sein würde, und die Eltern, weil sie hofften, dass ihre Kinder in dieser Zeit sinnvoll beschäftigt und betreut waren. 😀


Clowns-Warmup á la Moshe

Workshop Dienstag
Ich hatte mir im Vorfeld wertvollen Rat und Hilfe bei zwei professionellen Clowninnen geholt, die Ferien- und Zirkusprogramme für Kinder anbieten, und ein entsprechend anspruchsvolles Konzept ausgearbeitet 😉 Der Plan war eine Namensrunde, Clowns-Warmup á la Moshe (Humor injizieren), Gehen mit diversen Übungen, Begrüßung per Handschlag, wie bei den Eskimos, wie in Brasilien, Auja, Gromolo, Gefühlsquadrat, Skulptur 1-2-3, Skulptur sitzen-stehen-liegen, Im Kreis auf den Knien des anderen sitzen, Quak-Enten suchen einen Ausweg, Clownsverabschiedung á la Hilde. Angesichts der Vorgaben des Veranstalters (keine Altersbeschränkung, Mehrsprachigkeit, der Übungsraum war eine Wiese im Innenhof) ganz schön gewagt. Aber – Right Time, Right Place, Right People – alles stellte sich als (sehr) stimmig, (durchaus) machbar und (highly) inspirierend heraus. Aber der Reihe nach:

  1. Mit einem Metermaß und einem Stoffband wurde ein Rechteck von vielleicht 8mx5m abgetrennt. Dieser Raum wurde in der Folge gut genutzt und von internen und externen akzeptiert.
  2. Bei der Vorstellungsrunde fand ich es total faszinierend, dass – obwohl es gut 15 Kinder waren – sie alle ganz brav und geduldig gestanden und gewartet haben, bis sie dran waren. Und alle haben sie es fertig gekriegt (mit Übersetzerin), ihren Namen zu sagen, ihr Alter (zw. 6 und 12) und wo sie her kommen, selbst wenn sie nur Englisch konnten oder Spanisch. Und dann die Internationalität! Aus dem Jemen, aus Pakistan, aus Deutschland, Spanien, Chile, Holland, Türkei usw.
  3. Gefühlsviereck, wir stellen uns alle in ein Feld und starten mit Trauer. Ich bin dabei und versuche den Kindern zu zeigen, wie das geht, und steigere mich da rein – es macht mir einen Riesenspass und den Kindern auch. Dann in das Feld Freude: wir haben alle im Lotto gewonnen! Dann Ärger – das inspiriert vor allem die Jungs. Ich mache wieder mit und benutze ich die gleichen Situationen wie bei traurig und freudig (um den Kindern zu zeigen, dass man ein und dieselbe Situation so und so interpretieren und für alle drei Gefühle nutzen kann). Bei Feld vier frage ich die Kinder, was für ein Gefühl sie noch spielen wollen. Es kommt: sich lieb haben, Zorn, happy sein – das hatten wir alles schon, erkläre ich und nehme dann den Vorschlag mutig sein.
  4. Dann stolpern wir in die Auja-Übung, irgendwie entwickelt sich das aus dem Gehen und die Kinder werden sehr kreativ (s.u.).
  5. Zu Klatschen im Kreis (Zoom!), Skulptur, Sitzkreis, Quak-Enten kommen wir nicht, Gromolo verstehen sie nicht auf die Schnelle und Psychotonus und Traumreise habe ich gestrichen.
  6. Zum Schluss wählen sich fast alle einen Clownsnamen, bekommen von mir eine rote (oder blaue) Nase gemalt, stellen sich auf der Bühne mit Namen vor und gehen ab – Applaus! Damit will ich den Workshop schon enden lassen, aber alle drängen noch auf einen Auftritt – ok…
  7. Clownin Zizis‘ startet: Setzt sich mit der Trommel mitten auf die Bühne und trommelt selbstversunken und authentisch vor sich hin. Dann der nächste. Wir haben aber keinen Vorhang. Zizi bietet sich spontan an, den Vorhang zu machen und stellt sich mit erhobenen Händen vor den Nächsten auf (und Vorhang auf mit Abgang!). Clown Süß kommt und rennt wie ein Irrer mit dem Laufwagen bis zur Küche und wieder zurück, ohne auf den Vorhang zu warten. Clown Lucio schnappt sich die beiden anderen Jungs und sie treten als Trio auf! Rennen und purzeln zwar nur wild durcheinander, aber sie haben doch einen Bezug zueinander. Dann mache ich den Vorhang, weil Zizi nochmal auf die Bühne will.
  8. Die Kinder brachten sehr viel Eigeninitiative mit herein: das Reiterspiel, Gefühle, Laufen, Schubkarre fahren, Auftritt zu dritt, Vorhang, Einwickeln der Spielleiter mit dem Wollknäuel.
  9. Die Disziplin war ausgezeichnet, ich war sehr positiv überrascht, sobald ich deutlich oder etwas lauter wurde, haben die Kinder sofort reagiert, bei der Jungensbande reichte eine zweite oder dritte kurze Ansprache.
  10. Die Kindergärtnerin Clownin Nemo war eine super Hilfe, nicht nur, da sie einige der Übungen kannte und spanisch spricht. Es ist generell unschätzbar, wenn noch ein Erwachsener dabei ist, der übersetzt, die Kinder mit bändigt, der einem rückmeldet, was zu viel (verlangt) ist (Eskimo-Gruß mit Nasen aneinander reiben) – der einem einfach das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein!


Begrüßungsrunde

Workshop Mittwoch
Am nächsten Tag ist der Himmel verhangen und zeitweise regnet es, so dass wir in einen großen Innenraum wechseln. Die jetzt bereits erfahrenen Clowns sollen für die Bühne fit gemacht werden und da eignet sich ein abgeschlossener Raum besser als eine nach allen Seiten offene Wiese. Ich überlege: Was wollten die Kinder am meisten? -> Schminken und Clownsnase. Zusätzlich Verkleidung wäre toll. Ich bereite alles vor, nehme mir aber vor, die Übungen nicht mehr selber mitzumachen. Das hat mich gestern ziemlich geschlaucht und ich habe nicht so viel von den anderen mitbekommen. Es sind drei neue Kinder dabei, leider fehlt Clownin Zizi und Clownin Regenbogen lässt sich nur kurz blicken. Wir fangen wieder bei den Aufwärmübungen an, durchlaufen aber alles etwas schneller. Bei der Begrüßung können schon die bekannten Clownsnamen genannt werden, anschließend atmen wir einmal mit geschlossenen Augen durch und folgen ansonsten Moshe. Man kann nun auch das Gehen als Cowboy oder Schauspielerin ausprobieren, als Drittes fällt den Kindern nichts ein, ich schlage dann „Clown“ vor („Tiger“ war mir zu heiß, ein selbst gewähltes Tier hätte aber auch sein können). Dann wollen sie unbedingt wieder das Gefühlsquadrat machen, das hatte ihnen gestern wohl gut gefallen. Ein besonders Mutiger 😉 will unbedingt mit Ärger anfangen, er hatte da schon seinen Plan, was er auch bei der Begrüßung schon durch seine Geste (Hand an Hals) zeigte. Beim traurig sein gehe ich rein, um die Intensität zu erhöhen. Es funktioniert sehr gut, wir steigern uns da total rein, so dass spüre, wie viel Spaß es macht, das auszureizen und richtig richtig traurig zu sein. Bei Freude sind wir dann schon ausgepowert und stellen fest, dass Freude richtig anstrengend ist. Bei Ärger ist gerade die kleinste eine Offenbarung. Clownin Lilly geht da in die Vollen und stampft auf den Boden: Wie ungerecht alles ist, und dass ihr Bruder ihr Spielzeug kaputt gemacht hat! Clown Es will sofort kämpfen, Ich töte dich! Das vierte Gefühl Neugierig stößt dann schon auf weniger Interesse. Zum Schluss mache ich den Kinder den Wechsel der Gefühle vor und gehe dazu ins jeweilige Quadrat.

Dann zeige ich mit Nemo und Alfi den Kindern die Skulpturübung 1-2-3. Wir bilden drei Gruppen: Nemo mit 2 Kindern, Alfi mit 2 und ich mit den drei Jungs. Ich habe Zeit, nach den anderen Gruppen zu schauen, es sieht sehr schön aus. Danach präpariere ich die Schlag-für-Schlag-Übung (mit riesigem Erwachsenenabstand zwischen den Spielpositionen, Alfi korrigiert mich), verteile die Nasen (Nemo wird zum Nasendoktor ernannt, leider passen nicht allen alle Nasen) und stelle es mit Alfi vor. Gedanke: Kinder brauchen kaum Warmup für ihren inneren Spieler (wie Erwachsene), aber viel Hinleitung zum strukturierten, kontaktbasierten Spielen. Sie stehen seltsam bezugslos neben dem Partner und sagen seltsam gefühllos Texte auf á la: Ich habe morgen Geburtstag. Ich habe in einem Monat Geburtstag. Ich fahre morgen in Urlaub. Ich komme aus Berlin…

Dann bauen wir endlich die Bühne auf. Zuerst habe ich die Idee, dass sich jeder einen Hut / eine Verkleidung hinter der Bühne holt, aber das wird nichts. Ich lege einen Hut auf die Bühne, der zuerst geht, nimmt sich ihn. Das führt zu einiger Verwirrung unter den Kindern. Jeder denkt, er bekommt einen eigenen Hut. Der Hut des Partners wird nicht als freie Requisite wahrgenommen, usw. Dem letzten Paar stelle ich ein Polizei-Bobbycar hin (s. Bildergallerie unten).

Das Polizeiauto

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Im Heim für Blinde Frauen

Heute feiern Alex und Bruno mit den Bewohnerinnen des Heims für blinde Frauen Ostern. Alex kommt mit blauem Fahrrad und einer passenden – Kopfbedeckung! Ich habe schon immer gewußt, dass der ein verrücktes Huhn ist… Ich kenne die Leiterin von einem gemeinsamen Auftritt in Landshut, bin entspannt und schminke mich wie gewohnt obwohl ich mich zwischendurch frage, wieviel die Frauen von mir sehen können. Im großen Park mitten in Neuhausen pflücke ich dann noch eine handverlesene rote Tulpe für meinen Hut. Wieder im Flur stimme ich meine Ukulele an zu Bob Marleys No woman, no cry: I remember in the winthir street, in the bavarian area in München. usw
Dann geht es los, Clowns go marching in singend in den ersten Frühstücksraum. Eine liebe Pflegerin begeleitet uns und sammelt die (Gummi)Eier ein, die wir beim Jonglieren verlieren. Auf demselben Flur besuchen wir dann Frau D., eine ältere Dame mit spanischem Nachnamen, und Alex lässt es sich nicht nehmen, ein spanisches Lied für sie anzustimmen. Sie freut sich riesig und teilt ihre Freude mit uns. Ich nehme ihre Hand und bestaune die Fotobettdecke mit Bildern ihrer erwachsenen Kinder. Im ersten Stock warten schon an die zehn Bewohnerinnen im Flur auf uns. Während wir spielen, werden weitere hereingeschoben. Dann spielt Alex einen Walzer und bevor ich meinem Impuls nachgeben und jemand zum Tanz aufforden kann, tanzt er schon mit einer Bewohnerin, die gerade aus dem Aufzug kommt und in seine Hände läuft – der Schlawiner 😉 . Ich reiche einer Bewohnerin die Hände und schunkele mit ihr, sie macht Anstalten aufzustehen, aber ich traue mich nicht, sie sieht etwas wackelig aus und der Rollator steht direkt vor ihr. Es ist auf einmal etwas kraftvolles da, das uns verbindet. Es sehr innig. Dann kommt die Bewohnerin zur Rechten „an die Reihe“. Sie fasst meine Hände fest und fragt mich „Was muss ich machen?“ – „Gar nichts,“ antworte ich, „vertraue mir, ich halte dich.“. Nachher muss ich mich sanft aus ihrem Griff lösen 🙂
Dann setze ich mich auf einen freien Stuhl neben sie und genieße das Spiel von Alex, doch nur kurz, denn jetzt braucht er mich! Gummitwist, loslassen, aua, balancieren, Gewicht heben, übermenschliche Anstrengung… Die Pflegerin und ich helfen gerne. Trotzdem der Zeitknappheit (unser beider Familien wollen an diesem Ostermorgen auch noch was von uns haben!) gehen wir noch in den zweiten Stock, wo wir auf weitere Bewohnerinnen stoßen, darunter Frau B. im Bett. Und wieder ist Walzer gefragt, und wir tanzen und singen in seel’ger Eintracht. Mit Freude im Herzen fahre ich zurück, was war das für ein Geschenk!