Clowns-Café in der Corona-Zeit

Auf Einladung von Hilde treffen wir uns an einem Sonntagnachmittag auf dem Staufenplatz in Münster. Wir wollen etwas Freude in die Welt bringen und uns dazu auf 2m Abstand zum Kaffeetrinken treffen. Ich schleppe einen massiven Kaffeehaustisch mit zwei Stühlen dorthin. Mittlerweile ist die Sonne da und bringt die Temperaturen auf über 15°! Bin viel zu warm angezogen… Einige Familien vergnügen sich dort und Jugendliche beim Tischtennis und auf den Bänken. Sie essen Eis oder holen sich im nahen Café Kuchen und Kaffee.

Mimi und Vivienne sind auch schon da, ich setze mich zwischen sie und Amati mit ihrer Freundin. Es ist ein buntes und lang ersehntes Wiedersehen. Wir fangen zaghaft an mit den Spielen und werden dann immer dreister und vergessen die Abstandsregeln bald komplett. Leute machen Fotos von uns, was uns noch mehr aufdreht. Insgesamt ist die Interaktion mit den Zuschauern sehr schön, die meist bereitwillig und dankbar auf meine Spielangebote eingehen. Am schönsten ist die Entdeckung von Mülltonnen in der nahen Toreinfahrt. Nicht nur die gelbe Tonne, die Papiertonne und der Restmüll sondern vor allem die Biotonne hat es mir angetan. Was da alles zu finden gibt. Und eine noch fast funktionstüchtige Möhre! Diese Entdeckung bringt mich vollkommen aus dem Häuschen. Beobachtet von drei Mädchen auf der Bank versuche ich die Möhre der Mimi als Liebesbeweis zu überreichen, doch die Fine unterbricht mich, weil sie noch mehr entdeckt hat im Hinterhof. Aber das alles ist nicht so interessant wie der Müll! Mimi beißt tatsächlich in die Möhre aus dem Kompost! Oh oh, das kann ich nicht zulassen und bitte einen älteren Mann mir etwas von seinem Bier zu überlassen, damit ich die Möhre desinfizieren kann. Gesagt, getan, ich mache die Möhre sauber, reibe sie mit meinem Taschentuch ganz frisch bis Mimi mir sagt, die wäre zu trocken. Die Mädels gucken entsetzt, wie ich in die Möhre beiße. Ich gucke tragisch und dramatisch. Aber der Ekel ist fast gar nicht gespielt.

Tante Anne-Marie geht mit Kuchen rum, doch ich kann ja leider nichts annehmen. Sie hat sich an den Rand gesetzt. Es ist nicht ganz einfach, mit ihr zu spielen, denn sie hat seit dem Tod ihres Günthers kein Mann mehr angeschaut und meine Liebesschwüre laufen gegen die Wand. Dann mischt sich Sofia ein, eine vorwitzige Fünf- bis Sechsjährige und die Schwester des Tischtennisjungen. Sie klaut Tante Anne-Marie den Hut, nachdem ich die Tante abgelenkt habe. Also ein bisschen bin ich auch schuld… Es wird nicht ganz einfach, der Sofia den Hut wieder abzuschwatzen. Ich halte den Atem ein bisschen an, weil ich nicht weiß, ob die Tante das verkraftet. Als nichts fruchtet, keine Verhandlungen, kein garnichts, wirft Sofia auf meinen Rat den Hut einfach in den Mülleimer. Gesagt, getan. Der Hut landet in der großen gelben Tonne. Tantchen guckt etwas entgeistert, doch ich fische den Hut wieder raus, und er hat fast keinen Schaden genommen…

Zwischendurch spiele ich wieder eine Runde Tischtennis mit dem Bruder von Sofia, bevor sie mich für ein kurzes Intermezzo ablöst. Sie kann eigentlich nicht richtig spielen, aber der Vater steht schon bereit sie abzulösen. Denn ich habe wieder neue Ideen … ich frage die Tante, was sie statt der Möhre als Liebesbeweis akzeptieren würde. Am allerliebsten hätte sie eine Zigarette, aber eine selbst gedrehte. Das wird schwierig! Ich frage ein bisschen herum auf dem Platz, was einige schöne Spiele ergibt, und lande tatsächlich bei einem jungen Pärchen, das der Tante eine Zigarette abtritt. Voila!

Dann sehe ich ein Baby, ein Krabbelkind, das sich auf mich zu bewegt und mich ganz fasziniert anschaut. Ich mache mich sofort klein, gehe mit meinen Händen auf dem Boden, auf meine Knie und krabbele dem Baby entgegen – aber immer ganz vorsichtig und sachte, es soll sich ja nicht erschrecken! Wir schauen uns einfach nur an, es ist eine schöne Spannung zwischen uns. Ich zeige ihm mein Gesicht ohne Nase, weil ich weiß, dass die Nase Kinder in diesem Alter manchmal irritiert. Er staunt mindestens genauso über mich wie ich über ihn 🙂 Wir lassen uns gegenseitig bestaunen, das ist eine schöne Zweisamkeit. Sofia steigt ein: Sie klaut diesmal meinen Hut und setzt ihn dem Krabbelkind auf. Steht ihm besser als mir! Ein zweites, größeres Mädchen nimmt den Hut aber sofort und gibt ihn mir zurück, so dass das Kind den Hut gar nicht so richtig genießen kann. Das Mädchen piekst mich in den Hintern, und ich schaue mich mit einem Ton der Überraschung verdutzt um. Das Baby beobachtet alles genau und scheint sich zu amüsieren. Als es sich aufsetzt, setze ich mich auch auf, immer im Kopiermodus! Das schöne Spiel geht zu Ende, als das Kind sich abwendet, da gibt es wohl noch interessantere Sachen zu sehen…

Mimi treibt mich dann noch über den ganzen Platz, weil ich ihr gestanden habe, dass ich für Tante Anne-Marie schwärme. Sie ist doch nicht etwa eifersüchtig? Das Publikum besteht aus zwei Frauen, die uns von einer Bank aus aufmerksam beobachten. Die linke ist eine ältere mit langen Haaren, die sich als professionelle Herzensbrecherin entpuppt. Sie hat viel Spaß an unserem Spiel. „Wenn ihr wüsstet, wie viele Herzen ich schon gebrochen habe!“

Nach anderthalb Stunden ist der Spaß vorbei und als erste trollen sich die beiden Engel mit Holger von dannen und das Pärchen aus Soest, die so wunderbar musiziert haben. Ich ergreife auch die Flucht und verabschiede mich noch von den übrigen, bevor ich ermattet ins Auto sinke und überrascht feststelle, dass wir schon anderthalb Stunden zugange waren.

Meine liebe Mitspielerin Sofia will mich zum Schluß gar nicht mehr gehen lassen, sie fragt mich immer wieder: Wann kommst du zurück? Du kommst doch zurück, morgen? Übermorgen, überübermorgen? Es bricht mir fast das Herz, und ich will sie ja nicht anlügen, deshalb sage ich lieber nichts.

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