Bei den Auenkindern in München

Heute ging es zu den Auenkindern in Haidhausen. Dort gibt es drei Gruppen: die Krabbelkinder, die Kindergartenkindern und die Hortkinder. Insgesamt erwarteten mich so 38 Kinder im Alter von 1-10. Eine Herausforderung, wie sich schnell zeigte, denn ein Krabbelkind, dem wir ein etwas verunglücktes Geburtstagsständchen brachten, wollte partout keine Aufmerksamkeit von dem aufdringlichen Clown und erst recht keine Konfetti – iiiiih! Auch der schnell aufgeblasene Luftballon konnte die Tränen nur so halbwegs beruhigen…
Dafür war die Brillenaktion – eine Idee von Rania – ein voller Erfolg. Als alle endlich ihre Brillen auf hatten (ich hatte mal wieder total unterschätzt, was es auslöst, wenn man was verteilt, von dem alle was haben wollen), kam mir der Begriff „Brillenschlange“ in den Sinn. Und ab ging die Krabbel-Polonaise – Clown Bruno voran! Das machte Spaß und führte zu einem Riesendurcheinander, hihihi. Dann kam Jarno mit der Idee, Reiter zu bilden und ab ging das Gebalge. Ich versuchte es zu strukturieren, aber Pustekuchen. Und was wäre das auch für ein Clown, der Ordnung in das Chaos bringen wollte!?
Die älteren Kinder griffen da schon selber ein, ziemlich zuverlässig kommandierten sie ihre Truppe wieder in die Ausgangsstellung, in den Kreis.

Zum Schluss ließ es Bruno sich aber nicht nehmen, die restlichen Ballons, Marshmallow’s und Konfetti einfach in die Luft zu werfen. Dann war es auch schon vorbei, Bruno zog nach nicht mal 40 Minuten die Reißleine und nutzte den Moment, um sich freudestrahlend vom Acker zu machen. Umgezogen erkannten ihn einige Kinder, die sich gerade für den Spielplatz fertig machten, jedoch wieder und verwickelten ihn noch in Diskussionen, darunter das knapp zweijährige Krabbelkind, das Bruno einen grünen Glitzerstreifen geschenkt hatte – rührend. Er wollte gar nicht mehr von seiner Seite weichen und Bruno wollte ihn fast schon mit nach Hause nehmen…

Hoffest in Entrup119

Die Pläne, beim Tag der offenen Tür meines Lieblingsbauernhofs Entrup119 aufzutreten, waren schon alt. Lange stand es auf meiner Agenda, die lieben Nachbarn meines Reitstall bei ihren Aktivitäten zu unterstützen. Nachdem das Hoffest die letzten drei Jahre wegen Corona ausgefallen war, machten wir nun Nägeln mit Köpfen. Wir, das war mein Clownsfreund Pipo, genannt Rainer – diesmal unterwegs in ernster Mission als Zitator von „grünen“ Gedichten, und halt Clown Bruno, der sich bis zum Schluss nicht auf einen Auftritt festlegen lassen wollte, und deshalb auch nicht im Programm aufgeführt war.


Bruno war bei der Schafschur dabei


Bruno treibt die Schafe auf die Wiese


Bruno hilft dem Rezitator bei seinen Gedichten


Bruno begleitet das Pfeifen- und Trommlerkorps Altenberge-West

Herr Blume im Flüchtlingsheim Freiham

Eigentlich waren wir zu fünft im Flüchtlingsheim der Bayrischen Diakonie / Innere Mission in Freiham angemeldet, doch auf der Fahrt dahin erfahre ich in der S-Bahn – als ich zufällig die letzte Nachricht in der Signal-Gruppe lese -, dass der Termin kurzfristig ausfällt. :sigh: In meinem Kopf rasen die Gedanken: Schnell noch aussteigen und mit der nächsten Bahn zurück? Nein, wenn ich schon fast da bin, möchte ich auch gerne den Ort Freiham kennenlernen. Und einmal ausgestiegen möchte ich auch unbedingt die Retortenstadt rund um den Bahnhof kennenlernen und natürlich auch die Flüchtlingsunterkünfte und … ich möchte mich am liebsten umziehen und als Clown weitergehen. Je näher ich meinem Ziel komme, umso unumstößlicher steht mein Entschluss fest: Ich trete solo auf! Und alle Türen öffnen sich, buchstäblich.

Ich hätte mit 16 gerne gewusst, wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet. [Cornelia Funke]

Ich dackele hinter einer Flüchtlingsfamilie hinterher, die Hochsicherheitstür in dem Hochsicherheitszaun wird aufgeschlossen und werde von den drei Sicherheitsleuten misstrauisch beäugt. Schlimm, wie die hier einkaserniert sind, denke ich noch, bevor mir die kürzlichen Anschläge in den Kopf schießen. Ist vielleicht doch nötig – aber was ist mit der Einbettung in die Gesellschaft? Fördert eine solche Abschottung ein unkompliziertes Miteinander mit uns „Eingeborenen“? An den Sicherheitsleuten komme ich – nach Offenlegung aller Pässe und Intentionen – vorbei und bin nun im Heim drinnen. Dort kommen mir die nächsten Sicherheitsleute entgegen. Doch es gibt auch Sozialarbeiter. Von einem Schwarzafrikaner werde ich zu Aysel weitergeschickt. Sie hat das Treffen organisiert, ist sehr nett und kommt aus der Osttürkei (das muss beim Ostbahnhof sein). Sie ist zuerst ganz verdattert, dass nun doch ein Clown da ist, freut sich dann aber und … lässt mich gewähren! Ich erkläre ihr, dass ich nichts brauche, nur einen Ort zum Umziehen und einen zum Herumziehen 😉 Ich bin halt der Walk-Act Typ und habe gute Erfahrungen damit gemacht, mich von den Kindern inspirieren zu lassen.

Ich bin noch ein bisschen weich gekocht von JR (just ridicule). Seine Ausstellung in der Kunsthalle hatte mich heute Morgen ziemlich geflasht, insbesondere sein Projekt mit CCI-Strafgefangenen. Seine Begründung, dass jeder Mensch gesehen werden möchte, und dass er vergessenen Menschen die Möglichkeit geben will, gesehen zu werden, rührte mich zu Tränen. Dass das auch viel mit meiner Arbeit als Clown (und Audiobiograf) zu tun hat, wird mir in den nächsten Tagen noch bewusster.

Wir gehen dann zusammen zu dem nächsten Containerblock. Hier sollen die meisten Kinder wohnen. Jede Familie (hier wohnen nur Afghanen) scheint hier ein oder zwie Zimmer von vielleicht 15m2 zu bewohnen. Ich renne zwar in einige rein, wurde aber von Aysel zurückgepfiffen (Privatsphäre!), sodass ich nur einen flüchtigen Eindruck bekomme. Doch zurück auf Anfang: Kaum trete ich durch die Türe, stehen die Kinder um mich herum. Zuerst kann ich deren Namen und Herkunft noch in aller Ruhe erfragen, dann bricht aber der Tsunami über mich herein – immer mehr Kinder kommen aus allen Ecken angelaufen. Sie greifen an meine rote Nase, und ich muss diese und weitere Angriffe energisch abwehren (Nein! Die ist heilig!). Ich sage, dass ich eigentlich Bruno heiße, aber dass meine Freunde mich „Herr Blume“ nennen dürfen. Den Namen finden sie toll, sodass ich dabei bleibe. Zuerst entdecken wir das Spiel „Vorstellung von Herrn Blume“. Sie (mittlerweile ein gutes Dutzend) machen mit Inbrunst meine Verbeugungen und Hofknickse nach. Ich erkläre, was eine Blume ausmacht, und auch das machen sie alles ganz lieb nach: Zuerst sind wir Blumen alle ganz klein, dann scheint die Sonne, und wir öffnen unsere Blüten und wenden uns der Sonne zu. Sehr poetisch. Dann geht es ums Wachsen, und ich komme an die Decke! Die Kinder wollen auch, und so hebe ich sie eins nach dem anderen empor. Dann macht Herr Blume aber schlapp und rutscht mit ausgestreckter Zunge an der Wand runter…. die Kinder kringeln sich vor Lachen….

Meine Idee, dass sich jedes Kind auch selber vorstellen soll, verstehen sie leider nicht. Das wäre auch eine schöne Übung zum „Gesehenwerden“ gewesen. Danach will Herr Blume unbedingt Seilchen springen, weil er ein Springseil entdeckt hat, doch das geht nicht durch. Selbst als ich es ergattert habe und mich zum Üben in die Küche verzogen habe, funzt es nicht. Stattdessen zeigen mir die Kinder, was sie alles können. Ein ca. 10 Jahre altes Mädchen schlägt mehrmals ein perfektes Rad. Sofort übertrumpft sie ein Junge, der es auf einem Arm kann. Ich bin begeistert, befühle ehrfürchtig Muskeln und versuche es auch… Ich stelle mich allerdings ziemlich dumm an. Die Kinder zeigen mir alles nochmal genau, doch ich bringe nach zwei vergeblichen Versuchen nur einen verunglückten Purzelbaum zustande und finde mich mit den Beinen zur Decke gestreckt am Boden wieder – genau gegenüber einem Erwachsenen, dem ich bedeute mich hochzuziehen. Er klemmt meine Beine unter seine Arme, und gibt sich richtig Mühe, aber er schafft es nicht. Ich sporne ihn an und zwei, drei Kinder helfen kräftig, aber sie schaffen es alle nicht, dabei wollte ich doch so gerne mit meinem Po über dem Boden schweben!

Irgendwie kann ich nicht nur leise und sanft sein, sondern muss immer auch aufdrehen, so ergibt sich die fantastisch durchgedrehte Szene, wo ich mit einem Besen in vollem Tempo einmal hin und her über den langen Flur renne – die laute Kinderschar hinter mir her! Ein Teil von mir fragt sich ernsthaft, ob das nicht für die Zuschauer und Bewohner zu viel / zu laut ist. Ich stoppe am offenen Fenster, sinke auf den Boden und denk nur: Jetzt Luftballons! Doch dummerweise habe ich nur die langen Figurenballons dabei und auch nicht genug und dummerweise beginne ich die auch noch zu verschenken! Im Nu stehen zehn, zwanzig Kinder eng um mich herum, lassen mich nicht mehr gehen, ich komme nicht mehr raus. Und alle schreien (nachdem das erste Mädchen einen bekommen hat): „Ich! Ich!! Ich!!! ICH!“ In aller Seelenruhe mache ich weiter (ich kenne diese Szenen ja, auch wenn ich erstaunlicherweise nichts daraus gelernt zu haben scheine), ja genieße die Körperlichkeit unseres anarchischen Klumpens. Zur Krönung drückt mir eine Mutter (vier, fünf Frauen haben schmunzelnd und aus sicherem Abstand unser Spiel beobachtet) ihr einjähriges Kind in den Arm: „Er möchte das so gerne!“ Ich bin mir da nicht so sicher, zumal der keine Miene verzieht. Aber ein sehr angenehmes, väterliches Gefühl macht sich bei mir breit. Die Mutter macht natürlich Fotos von uns beiden. Als der Kleine zu plärren anfängt, gebe ich ihn gerne wieder zurück…

Doch irgendwann wird es mir doch zu viel wird und ich rufe Hilfe suchend nach Aysel (meinem Weißclown). Doch sie hört mich in dem Trubel nicht, mein Rufen dringt nicht durch… Ich muss mich schon groß machen. Ich bitte sie, die Ballons für mich zu verteilen. Sie hat mehr Autorität als ich. Ich benutze die Gelegenheit, um die Kinder abzuschütteln. Aysel kommt stirnrunzelnd hinter mir her, es wären nicht genug Ballons für alle Kinder gewesen (ja, das war mir klar…), und ob ich nicht noch was für die kleinen Kinder hätte. Ich krame mein letztes Herzbonbon hervor und mache endgültig die Biege. Obwohl, endgültig gibt es hier nicht – die Kinder ziehen hinter mir her wie hinter dem Rattenfänger von Hameln. Und so kommt es zu dem obigen Gruppenfoto. Im Sozialarbeiter-Container schließe mich in der Umkleide ein, ziehe mich rasch um, währenddessen die Kinder an der Tür klopfen und nach mir rufen. Dann rennen die ganz Pfiffigen nach draußen, um den Container rum und schauen zum Fenster rein! Da bin ich aber schon fertig, mache die Tür auf und beteuere, dass Clown Bruno noch drinnen wäre. Das wirkt aber überhaupt nicht. Kurze Zeit später sitze ich in der S-Bahn. Dort schauen mich einige etwas aufmerksamer an als sonst, bis mir auffällt, dass ich mich in der Hektik gar nicht abgeschminkt habe, und ich mein Stirnband tief über die weiß geschminkte Stirn ziehe…

Clowns-Café in der Corona-Zeit

Auf Einladung von Hilde treffen wir uns an einem Sonntagnachmittag auf dem Staufenplatz in Münster. Wir wollen etwas Freude in die Welt bringen und uns dazu auf 2m Abstand zum Kaffeetrinken treffen. Ich schleppe einen massiven Kaffeehaustisch mit zwei Stühlen dorthin. Mittlerweile ist die Sonne da und bringt die Temperaturen auf über 15°! Bin viel zu warm angezogen… Einige Familien vergnügen sich dort und Jugendliche beim Tischtennis und auf den Bänken. Sie essen Eis oder holen sich im nahen Café Kuchen und Kaffee.

Mimi und Vivienne sind auch schon da, ich setze mich zwischen sie und Amati mit ihrer Freundin. Es ist ein buntes und lang ersehntes Wiedersehen. Wir fangen zaghaft an mit den Spielen und werden dann immer dreister und vergessen die Abstandsregeln bald komplett. Leute machen Fotos von uns, was uns noch mehr aufdreht. Insgesamt ist die Interaktion mit den Zuschauern sehr schön, die meist bereitwillig und dankbar auf meine Spielangebote eingehen. Am schönsten ist die Entdeckung von Mülltonnen in der nahen Toreinfahrt. Nicht nur die gelbe Tonne, die Papiertonne und der Restmüll sondern vor allem die Biotonne hat es mir angetan. Was da alles zu finden gibt. Und eine noch fast funktionstüchtige Möhre! Diese Entdeckung bringt mich vollkommen aus dem Häuschen. Beobachtet von drei Mädchen auf der Bank versuche ich die Möhre der Mimi als Liebesbeweis zu überreichen, doch die Fine unterbricht mich, weil sie noch mehr entdeckt hat im Hinterhof. Aber das alles ist nicht so interessant wie der Müll! Mimi beißt tatsächlich in die Möhre aus dem Kompost! Oh oh, das kann ich nicht zulassen und bitte einen älteren Mann mir etwas von seinem Bier zu überlassen, damit ich die Möhre desinfizieren kann. Gesagt, getan, ich mache die Möhre sauber, reibe sie mit meinem Taschentuch ganz frisch bis Mimi mir sagt, die wäre zu trocken. Die Mädels gucken entsetzt, wie ich in die Möhre beiße. Ich gucke tragisch und dramatisch. Aber der Ekel ist fast gar nicht gespielt.

Tante Anne-Marie geht mit Kuchen rum, doch ich kann ja leider nichts annehmen. Sie hat sich an den Rand gesetzt. Es ist nicht ganz einfach, mit ihr zu spielen, denn sie hat seit dem Tod ihres Günthers kein Mann mehr angeschaut und meine Liebesschwüre laufen gegen die Wand. Dann mischt sich Sofia ein, eine vorwitzige Fünf- bis Sechsjährige und die Schwester des Tischtennisjungen. Sie klaut Tante Anne-Marie den Hut, nachdem ich die Tante abgelenkt habe. Also ein bisschen bin ich auch schuld… Es wird nicht ganz einfach, der Sofia den Hut wieder abzuschwatzen. Ich halte den Atem ein bisschen an, weil ich nicht weiß, ob die Tante das verkraftet. Als nichts fruchtet, keine Verhandlungen, kein garnichts, wirft Sofia auf meinen Rat den Hut einfach in den Mülleimer. Gesagt, getan. Der Hut landet in der großen gelben Tonne. Tantchen guckt etwas entgeistert, doch ich fische den Hut wieder raus, und er hat fast keinen Schaden genommen…

Zwischendurch spiele ich wieder eine Runde Tischtennis mit dem Bruder von Sofia, bevor sie mich für ein kurzes Intermezzo ablöst. Sie kann eigentlich nicht richtig spielen, aber der Vater steht schon bereit sie abzulösen. Denn ich habe wieder neue Ideen … ich frage die Tante, was sie statt der Möhre als Liebesbeweis akzeptieren würde. Am allerliebsten hätte sie eine Zigarette, aber eine selbst gedrehte. Das wird schwierig! Ich frage ein bisschen herum auf dem Platz, was einige schöne Spiele ergibt, und lande tatsächlich bei einem jungen Pärchen, das der Tante eine Zigarette abtritt. Voila!

Dann sehe ich ein Baby, ein Krabbelkind, das sich auf mich zu bewegt und mich ganz fasziniert anschaut. Ich mache mich sofort klein, gehe mit meinen Händen auf dem Boden, auf meine Knie und krabbele dem Baby entgegen – aber immer ganz vorsichtig und sachte, es soll sich ja nicht erschrecken! Wir schauen uns einfach nur an, es ist eine schöne Spannung zwischen uns. Ich zeige ihm mein Gesicht ohne Nase, weil ich weiß, dass die Nase Kinder in diesem Alter manchmal irritiert. Er staunt mindestens genauso über mich wie ich über ihn 🙂 Wir lassen uns gegenseitig bestaunen, das ist eine schöne Zweisamkeit. Sofia steigt ein: Sie klaut diesmal meinen Hut und setzt ihn dem Krabbelkind auf. Steht ihm besser als mir! Ein zweites, größeres Mädchen nimmt den Hut aber sofort und gibt ihn mir zurück, so dass das Kind den Hut gar nicht so richtig genießen kann. Das Mädchen piekst mich in den Hintern, und ich schaue mich mit einem Ton der Überraschung verdutzt um. Das Baby beobachtet alles genau und scheint sich zu amüsieren. Als es sich aufsetzt, setze ich mich auch auf, immer im Kopiermodus! Das schöne Spiel geht zu Ende, als das Kind sich abwendet, da gibt es wohl noch interessantere Sachen zu sehen…

Mimi treibt mich dann noch über den ganzen Platz, weil ich ihr gestanden habe, dass ich für Tante Anne-Marie schwärme. Sie ist doch nicht etwa eifersüchtig? Das Publikum besteht aus zwei Frauen, die uns von einer Bank aus aufmerksam beobachten. Die linke ist eine ältere mit langen Haaren, die sich als professionelle Herzensbrecherin entpuppt. Sie hat viel Spaß an unserem Spiel. „Wenn ihr wüsstet, wie viele Herzen ich schon gebrochen habe!“

Nach anderthalb Stunden ist der Spaß vorbei und als erste trollen sich die beiden Engel mit Holger von dannen und das Pärchen aus Soest, die so wunderbar musiziert haben. Ich ergreife auch die Flucht und verabschiede mich noch von den übrigen, bevor ich ermattet ins Auto sinke und überrascht feststelle, dass wir schon anderthalb Stunden zugange waren.

Meine liebe Mitspielerin Sofia will mich zum Schluß gar nicht mehr gehen lassen, sie fragt mich immer wieder: Wann kommst du zurück? Du kommst doch zurück, morgen? Übermorgen, überübermorgen? Es bricht mir fast das Herz, und ich will sie ja nicht anlügen, deshalb sage ich lieber nichts.

Workshop „Humor für Bibliothekare“

Eigentlich heißt der Workshop ganz anders und eigentlich geht es erst um 10 Uhr los, doch die ersten Teilnehmer*innen (es gibt tatsächlich einen Teilnehmer) sitzen bereits seit kurz nach Neun im liebevoll aufgebauten Stuhlkreis oder haben sich einen ersten Kaffee eingeschenkt oder stehen sinnierend und noch etwas scheu am Fenster – das wird sich schnell ändern! Ich bin noch am organisieren, die Bühne aufbauen und Material schleppen und muß kurz schlucken, als ich kurz vor zehn in einen fast vollen Raum komme.

Wir sind zu zweit: Ute Becker und meine Wenigkeit. Ute war eine meiner wichtigsten Lehrerinnen in der Anfangszeit. Bei ihr lernte ich das authentische Spielen und entdeckte die Wahrheit, mit nichts anderem auf der Bühne zu sein als man selber. Der Satz, mit dem sie mich damals flashte, lautete: „Geh’ mit Nichts auf die Bühne.“ Man kann keine gute Clownslehrerin und kein guter Clownslehrer sein, ohne an dem Menschen interessiert zu sein. Alle meine Clownslehrer haben immer extrem ganzheitlich, empathisch und wertschätzend gearbeitet – Ute ist dafür ein Paradebeispiel.

Wir starten ganz traditionell mit einer Einführungsrunde (die Alternative wäre eine körperliche oder gedankliche Einstimmung à la Peter Paul gewesen) und jeder erzählt was zu sich, und ich mache mir fleißig Notizen – es kommen einige schöne und ausdrucksstarke Sätze zusammen, mit denen wir nachher weiterarbeiten können.

– „Ich muss Sachen verkaufen doch keiner will hören!“
– „Ich muss immer eine Sache beiseite schieben und zur nächsten eilen.“
– „Ich bin der Guru in unserer Abteilung und müsste schon goldene Löffel klauen…“
– „Ich halte einen Vortrag vor 60 Leuten und keiner hört zu 🙁 “
– „Ich muss mich für einen Umzug rüsten.“

Bei meiner eigenen Vorstellung verhaspele mich, weil ich mir nichts zu mir selber zurecht gelegt habe und das Ende nicht finde. Vor lauter Nervosität vergesse ich zu erzählen, was ich in der Bibliothek mache 🙁


Bruno ganz aufgeregt vor dem Seminarraum

Ute erläutert die Figur des Clowns auf der Flipchart – super, berührend und ganz existenziell. Ich bewundere ihre Authentizität, sie hat unglaublich viel Wissen und schöpft aus zig Jahren Erfahrung. Ich behaupte mal, dass es zur Zeit keine bessere Fortbildung zu diesem Thema in NRW gibt (und für Bibliothekare nicht in Deutschland und nicht in der Welt und nirgends sonst ;-)))

Dann leite ich den Begrüssungskreis im Stehen und überlege für einen Moment, es wie Moshe zu machen, verwerfe es dann aber. Erden, Atmen und Humor in jede Situation einladen würde auch hier gut passen, aber es erscheint mir zu früh (für die Teilnehmer und für mich). Wir stellen uns mit einer Bewegung und unserem Namen vor – das klappt prima, alle machen mit, allen fällt was ein, und alle haben Spaß beim Nachmachen.

Danach laufen wir durch den Raum: Ute bereitet es gut vor, mit Erden und Spüren. Der Raum ist zu groß für 10 Personen, es gibt eigentlich zu wenig Begegnungen (was besonders bei den Begegnungen beim übertriebenem Gang deutlich wird). Ute schiebt spontan das Gestaltgebet ein, wir sind sehr gut in der Zeit, und es paßt gut.

Bei der 1-2-3-Skulptur-Übung an gibt zwei Dreier- und eine Vierergruppe. Ich mache es mit Ute und einer Teilnehmerin vor. Ich habe Freude, die Gruppen genau zu beobachten und lasse es lange laufen, es entstehen sehr schöne Bilder und die Skulpturen beeindrucken mich durch Kreativität und Spielwitz. Wir kommen schnell durch und machen eine frühe Kaffeepause, während der sich die Teilnehmer – was denn sonst – um die ausgelegten Bücher drängen.

Nach der Pause mobilisiert die geniale AuJa!-Übung die Energien für die Reise ins Innere Kind. Unter ruhiger Musik leitet Ute die Teilnehmerinnen an, sich auf eine Geburtsreise aus einem Ei zu einem undefinierten Wesen, das die Welt wie ein Kind erkundet: alles ist neu, unbekannt, und wird erforscht. Jeder bekommt eine Clownsnase und schließlich entdeckt man auch die anderen „Wesen“. Schnell kommen alle ins Spiel, es bilden sich Gruppen, die den Auftrag erhalten, die Welt gemeinsam zu erkunden. Aber von wegen „erkunden“ – Es wird stattdessen frei drauf los gespielt! Das macht sehr viel Spaß und fast alle sagen nachher, dass sie sich in einem freien Spielfluss befunden hätten, ohne Nachdenken über den nächsten Schritt, eins ergab sich automatisch aus dem anderen. Manche staunten da über sich selber, da sie sonst immer genau nachdachten, bevor sie etwas machen.

Zwei, dreien dauerte die „Geburt“ zu lange, sie konnten sich nicht reinfinden oder nichts mit dem inneren Wesen anfangen. Dann ist noch erstaunlich viel Zeit bis zum Mittagessen, so dass wir eine Feedback-Runde zwischen schalten, was gerne und ausgiebig genutzt wird.

Nach dem Mittagessen geht mit einem Überraschungschor wieder los: Die Bühne war schon aufgebaut, jetzt kommen Stühle für das Publikum dazu. Die erste Gruppe geht vor die Tür und bekommt die Instruktion „Bruder Jakob“ auf einem Chorwettbewerb zu singen, kurz vorher hätten sie aber im Lotto gewonnen. Entsprechend schwungvoll tritt der Chor auf! Dann neue Instruktion: jetzt ist kurz vor dem Auftritt das Chormaskottchen, ein Meerschweinchen gestorben. Es wird zum Heulen… Die Zuschauer dürfen die jeweils zugrundeliegende Emotion erraten. Dann wird gewechselt und die Zuschauer können sich nun profilieren. Zuerst singen wir wütend und lustlos, weil die Jury korrupt ist und sich bereits für einen Gewinner entschieden hat, dann haben wir kurz vor dem Auftritt ein Aphrodisiakum im Imbiss gehabt … Alle haben Spaß dabei. Ganz erstaunlich ist, wie bisher zurückhaltende Teilnehmer aus sich herausgehen und sich auf der Bühne präsentieren.

Jetzt tun sich die Teilnehmer zu zweit zusammen. Einer bekommt einen Hut, der andere soll ihn klauen. Nach diesen parallel laufenden „Vorübungen“ geht es auf die Bühne. Ich bin gespannt, ob sich die Qualität dort wiederholen lässt oder die unerfahrenen Teilnehmer angesichts des Publikums verkrampfen. Doch weit gefehlt – es entstehen intensive und teils brilliante Spiele. Kein Duo wiederholt sklavisch die Vorübung, es werden neue Wendungen ausprobiert und es wird flexibel auf neue Impulse reagiert. Die Bandbreite der Emotionen reicht dabei von Chaplinesker Leichtigkeit bis zu tiefer Verzweiflung.

Nach einer wohlverdienten Pause, da alle durch dieses intensive Spiel erschöpft sind, starten wir mit den Bibliotheksszenen. Als erstes gibt es ein Verkaufsgespräch der besonderen Art: Eine Teilnehmerin muss zwei Dinge an den Mann bringen, eins, das sie begeistert, und eins, das sie nicht interessiert. Die Käufer wurden zuvor instruiert, das begeisternde Produkt nicht haben zu wollen, stattdessen das uninteressante Produkt unbedingt haben zu wollen 🙂 Es entspannt sich eine spannende Auseinandersetzung ohne „happy end“, da keine Seite bereit ist, von ihren Instruktionen zu lassen. In der anschließenden Feedbackrunde wird deutlich, dass Clownsqualitäten wie Offenheit, Neugier und ‚Dinge anders sehen‘ helfen können, nicht mehr aneinander vorbei zu reden. Eine weitere, intensive Bibliotheksszene mit anschließender Feedbackrunde beschließt den Workshop.